Positionspapier "Schule auf dem Land"
Die Westfälisch-Lippische Landjugend (WLL) ist die Interessenvertretung der jungen Menschen in den ländlichen Räumen Westfalen-Lippes. Aus Sicht dieser jungen Menschen ist zur aktuellen bildungspolitischen Diskussion folgendes anzumerken:
Hauptschule hat Zukunft!
In der Diskussion um Schulstrukturen in Nordrhein-Westfalen wird oft so getan, als sei die Hauptschule ein Auslaufmodell und als "Restschule" kein wertvoller Bestandteil des Bildungssystems.
Wir halten dagegen: In vielen ländlichen Gemeinden, aber auch in der Stadt, gibt es sehr gute Hauptschulen. Auch spielt die Hauptschule auf dem Land als Schulform noch eine bedeutend größere Rolle als in stark urbanen Gebieten. Insbesondere die dort geleistete Integrationsarbeit und ihr Engagement in der Berufsvorbereitung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die WLL fordert daher:
- dass sich die Politik bei der Diskussion über Hauptschulen nicht nur an Negativbeispielen orientiert, sondern den Blick auch auf die vielen guten (oft ländlich gelegenen) Hauptschulen richten soll.
- dass insbesondere Hauptschulen viel Freiheit bei der Gestaltung ihres Unterrichts und der Berufsvorbereitungsmaßnahmen bekommen. Nach dem Schulabschluss gehen die Absolventen oft in einem Betrieb im Heimatort in die Lehre. Die Schule muss sich auf die besonderen Bedürfnisse der Wirtschaft vor Ort einstellen können.
- Programme wie "Geld oder Stelle", die dem Schulleiter vor Ort flexiblen Ressourceneinsatz ermöglichen, sind beizubehalten. Wünschenswert wären zusätzliche Mittel, ohne dass weitere Stellen dafür abgegeben werden müssten.
- starke (Haupt-)Schulen sind oft Schulen, in denen eine starke Elternarbeit und eine enge Vernetzung mit dem Vereins- und Wirtschaftsleben am Schulstandort stattfindet. Bereits in ihrer Ausbildung sollten Lehrer dafür geschult werden, solche Netzwerke aufzubauen und die Potenziale von Eltern und anderen für die Schule nutzbar zu machen.
- die vielen guten Hauptschulen gerade in ländlichen Gebieten sollten Anlass zu einem Forschungsprojekt geben, in denen die besonderen Bedingungen für schulische Bildung auf dem Lande wissenschaftlich erörtert werden.
Demographischer Wandel
Bekanntermaßen führt der demographische Wandel zu einem Rückgang der Schülerzahlen mit besonders drastischen Auswirkungen auf ländliche Gebiete. Erste Antworten hierauf waren eine Herabsetzung der Mindestschülerzahlen für die Eingangsklassen weiterführender Schulen. Neben der Gesamtschule und verschiedenen Kooperationsmodellen von weiterführenden Schulen ist in NRW nun auch die sog. Gemeinschaftsschule getreten. Sie ist eine weitere Möglichkeit, Unterricht in den Klassen 5-10 zu organisieren.
Zum demographischen Wandel im Allgemeinen und zur neuen Schulform im Besonderen hat die WLL folgendes anzumerken:
- der demographische Wandel sollte als Chance gesehen werden, in Zukunft in den Schulen ein zahlenmäßig besseres Schüler-Lehrer Verhältnis zu realisieren. Ohne Mehrkosten werden so kleinere Klassen und der Erhalt kleinerer Schulen in ländlichen Gebieten möglich.
- die Einführung neuer Gemeinschaftsschulen und anderer Formen der Schulkooperation müssen von den politischen Akteuren – vor Ort und auf Landesebene – immer in einem überörtlichen Kontext betrachtet werden (siehe Schulgesetz NRW, §80 Schulentwicklungsplanung). Die Einführung einer Gemeinschaftsschule in der einen Stadt kann dramatische Schülerrückgänge für Schulen in den umliegenden Orten bedeuten. Bewährte Strukturen und hervorragende Schulen können dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine ideologische Schulformdebatte ist hier genauso unangebracht wie kurzsichtiges Kirchturmdenken.
Ganztag bleibt Herausforderung!
Ganztagsangebote gewinnen auch in ländlichen Gebieten an Bedeutung. Doch aus strukturellen Gründen sollten bei der Umsetzung auf dem Lande einiges beachtet werden:
- Ganztagsangebote sollten, so oft es geht, freiwillig sein. Die Umstellung ganzer Schulen auf den Ganztag ohne Alternative ist für viele Schüler ein deutlicher Einschnitt in ihr außerschulisches Sozialleben. Das auf dem Land sehr rege Vereinsleben und die Selbstbestimmung der Kinder kann darunter leiden.
- Die Ausdehnung der Schule in den Nachmittag, nicht nur durch den Trend zur Ganztagsschule, auch durch die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur, bringt im ländlichen Raum besondere Probleme mit sich. Denn der Heimweg muss meist über längere Strecken mit dem ÖPNV bestritten werden. Nicht selten müssen Kinder inzwischen eine Stunde oder länger auf den Bus nach Hause warten, wenn sie irgendwann am Nachmittag aus der Schule kommen. Das verdeutlicht die Notwendigkeit einer soliden Finanzierung der Schülerverkehre sowie den Vorteil wohnortnaher Schulen.
Neue Lehrer braucht das Land!
Lehrermangel ist bereits jetzt ein grassierendes Problem an vielen ländlichen Schulen und wird sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen. Hier sind alle Akteure gefragt, ihren Teil dazu beizutragen, dass auch weiterhin Referendare und Lehrer gerne aufs Land gehen. Folgendes kann getan werden:
- bereits bei den Zuweisungen der Seminarorte sollte darauf geachtet werden, dass auch in ländlichen Regionen genug junge Lehrer ausgebildet werden.
- auch die Schulen selbst können durch eine attraktive Gestaltung des Umfeldes, aber z. B. auch durch engagierte Ehemaligenarbeit etwas beitragen.
- neben dem allgemeinen Lehrermangel gibt es insbesondere einen Bedarf nach Schulleitern von Grund- und Hauptschulen. Diese Stellen müssen ihren Anforderungen, die weit über die Organisation eines reibungslosen Unterrichtsbetriebs hinausgehen, entsprechend ausgestattet und attraktiv gemacht werden.
- da Lehrermangel nur ein Aspekt eines wachsenden Fachkräftemangels auf dem Lande ist, sollte eine breit angelegte Imagekampagne gestartet werden, die Berufsanfänger über die vielen Vorteile eines Lebens auf dem Lande, gerade für junge Familien, in Kenntnis setzt.


